Hauptinhalt
MR DDr. Ratschew

2017: Österreich in der Zahnsteinzeit


Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Wie wir alle wissen, stammt unser nach wie vor gültiger Kassenvertrag in seinen Grundzügen aus dem Jahr 1957, wenngleich er in Teilbereichen zwischenzeitlich immer wieder aktualisiert wurde. Die letzte große Reform des Leistungskataloges fand im Jahr 1992, also vor mittlerweile sage und schreibe 25 Jahren (!), statt. Seither hat die Politik nahezu sämtliche moderne Entwicklungen der Zahnheilkunde und vor allem auch wichtige soziale Anliegen im Bereich unseres Faches großteils verschlafen bzw. ignoriert. Unsere bisherigen Bestrebungen, das Leistungsspektrum und den Inhalt des zahnärztlichen Kassenvertrages moderner und sozialer zu gestalten, wurden in der Vergangenheit von den Verantwortlichen im Bereich der Gesundheitspolitik und der Sozialversicherung zumeist bereits im Keim erstickt.

Wir haben dabei nie unerfüllbare Forderungen gestellt, nie ging es uns darum, mehr Geld für uns selbst zu lukrieren. Wir haben lediglich moderne, lebbare und der heutigen Realität entsprechende Zahnheilkunde sowie soziale Gerechtigkeit für unsere Patientinnen und Patienten gefordert, und davon rücken wir auch weiterhin nicht ab. Das ist nicht nur unser gutes Recht, das ist unsere ärztliche Pflicht.

Erfreulicher Weise ist es uns im Zuge der Vertragsverhandlungen im Jahr 2014 zur so genannten „Gratis-Zahnspange“ mit dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger gemeinsam mit den konstruktiv agierenden Kräften aus dem Bereich der Sozialversicherung gelungen, in langwierigen und schwierigen Verhandlungen innerhalb der vom damaligen Gesundheitsminister Stöger denkbar praxisfern vorgegebenen gesetzlichen Rahmenbedingungen dennoch einen für alle Beteiligten lebbaren Vertragsabschluss zu erreichen. Nicht wegzuleugnen ist dabei allerdings die Tatsache, dass mit diesem Vertrag das ursprüngliche Wahlversprechen Stögers, wonach alle Kinder und Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr von ihrer Krankenkasse eine kostenlose kieferorthopädische Behandlung bekommen sollen, mitnichten erfüllt wurde. Die Leistung „Gratiszahnspange“ auf Krankenkasse ist nur für jene Patientinnen und Patienten vorgesehen, die eine Fehlstellung nach IOTN 4 oder 5 aufweisen. Leider missbrauchen nun mehrere Krankenkassen den neuen „Gratiszahnspangenvertrag“ dazu, die abnehmbare Kieferorthopädie nach dem Gesamtvertrag sukzessive abzuschaffen, weil sie der chefzahnärztliche Dienst unter oft fadenscheinigen Argumenten nicht mehr bewilligt. Damit verhalten sich diese Kassen ganz klar vertragswidrig, zumal uns seinerzeit sowohl vom Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger als auch vom Gesundheitsministerium zugesichert wurde, dass sich an den Bedingungen des Gesamtvertrages nichts ändern würde.

Im Zuge der Verhandlungen zum „Gratiszahnspangenvertrag“ konnten wir aber auch politischen Druck auf unseren Vertragspartner dahin gehend ausüben, langjährige Forderungen unsererseits endlich akzeptieren zu müssen. Das sind zum Einen Verbesserungen und Erleichterungen im Bereich der Vertretungsmöglichkeiten in der zahnärztlichen Kassenpraxis, die nun auch vertraglich geregelt sind. Zum Anderen konnten wir das sogenannte „Job-Sharing“, also die Möglichkeit der Teilung eines Kassenvertrages zwischen zwei Praxispartnern, ebenso im Gesamtvertrag verankern. Von beiden Neuerungen werden einerseits vor allem junge Kolleginnen und Kollegen am Beginn ihrer freiberuflichen Tätigkeit profitieren und andererseits soll dadurch eine fließende Praxisübergabe und –übernahme erleichtert werden. Beides wurde uns zuvor von Seiten der Sozialversicherung aus Prinzip über viele Jahre hindurch standhaft verweigert.

Dennoch sei an dieser Stelle klar festgehalten, dass die „Gratiszahnspange“ zwar als ein kleiner Schritt in die richtige Richtung bezeichnet werden kann, das Ziel des Weges liegt aus unserer Sicht aber nach wie vor in weiter Ferne. Höchst reformbedürftig und nach wie vor völlig offen sind nämlich in erster Linie folgende, weitere Themenbereiche:

• Das Alter, das Leistungsspektrum und die Rahmenbedingungen des Kassenvertrages, der in seinen Grundzügen aus einer Zeit stammt, zu der die meisten unserer Patienten noch gar nicht geboren waren. So findet sich darin etwa für die spezifische Kinderzahnheilkunde oder für die so wichtige Beratung, Aufklärung und Zuwendung im ärztlichen Gespräch mit dem Patienten bis zum heutigen Tage kein adäquates Leistungsspektrum.

• Die für Mutter und Kind wichtige zahnärztliche Untersuchung ist auch nach über 40 Jahren immer noch nicht im Mutter-Kind-Pass vorgesehen.

• Den sozial Schwächsten wird nach wie vor bis zu 50 % Selbstbehalt für ihre Behandlung aufgebürdet.

• Die Ausrichtung der Gesundheitspolitik gefährdet mittel- und langfristig die flächendeckende zahnärztliche Versorgung (weil statt der freien Zahnarztpraxis letztlich Behandlungszentren in den Ballungsräumen geplant sind).

Die Österreichische Zahnärztekammer wird sich weiterhin mit aller Vehemenz für die Interessen unseres Berufsstandes und damit unserer Patientinnen und Patienten einsetzen. Wir werden Sie diesbezüglich selbstverständlich stets am Laufenden halten.

MR DDr. Claudius Ratschew
Pressereferent der Österreichischen Zahnärztekammer

 

Patienteninformation

Plakate 1 / 2 / 3 / 4

Pressekonferenz